Alter Friedhof

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„Ein schöner Garten Gottes“

 

Alter Friedhof mit Kapelle

Im Jahre 1810 bis 1813 wurde auf der Westlichen Höhe in Flensburg der erste kommunale Friedhof des Landes nach Plänen des Architekten Axel Bundsen (1768 - 1832) errichtet. Er lag damals noch vor den Toren der Stadt, in unmittelbarer Nähe der englischen Landschaftsgärten des Kaufmannes Peter Clausen Stuhr (gest. 1820) und der Kaufleute Andreas Christiansen sen. (1743 - 1811) und jun. (1780 - 1831).

Der Alte Friedhof, bis heute fast unverändert erhalten, zählt zu den bedeutendsten Denkmälern des Klassizismus in Schleswig-Holstein.

 

Idee eines kommunalen Begräbnisplatzes – Umsetzung einer Weltanschauung

Bis ins 18. Jahrhundert war es üblich, die Toten auf den innerstädtischen Friedhöfen direkt an der Kirche zu bestatten. Doch mit der wachsenden Einwohnerzahl, die sich im 18. Jahrhundert in Flensburg mehr als verdoppelt hatte, wuchs auch der Bedarf an Begräbnisplätzen.

Die Kirchhöfe waren hoffnungslos überfüllt und im Rahmen der Aufklärung mit ihren neuen Gesundheits- und Hygienevorstellungen war die Verlegung der Friedhöfe vor die Tore der Stadt eines der vordringlichsten Postulate.

Der Tod wurde nun als natürlicher Teil des Lebens und damit der Natur selbst ver­standen. Er war Übergang in die Unendlichkeit der Natur und ihres Schöpfers.

Die Auffassung der Natur als Schöpfung Gottes lässt die freie Natur ebenbürtig neben den Zentralraum der Kirche treten. Nur über dieses neue Verhältnis zum Tod ist die unmittelbare Nähe des Friedhofes und der Gartenanlagen Stuhrs und Christiansens zu erklären.

 

Planung / Bau

Durch einen Erlass des dänischen Königs von 1807, die Friedhöfe aus hygienischen Gründen vor die Städte zu verlegen, wurden entsprechende Ideen für Flensburg wieder aufgegriffen. Eine Kommission, der auch P. Stuhr und A. Christiansen jun. angehörten, beschäftigte sich mit den Planungen für einen außerstädtischen Fried­hof, die die volle Zustimmung der Regierung fanden.

Letztlich fiel die Entscheidung zugunsten des unebenen Wallgeländes zwischen den Gartenanlagen Stuhrs und Christiansens.

1810 konnte mit dem Bau des Friedhofes begonnen werden. Die Gesamtleitung un­terstand dem in Kopenhagen ausgebildeten Architekten Axel Bundsen; am 25.06.1813 wurde der neue Friedhof feierlich eingeweiht. Der leitende Gärtner und Aufseher des neuen Flensburger Friedhofes war V. H. Munderloh, dem von 1813 bis zu seinem Tode 1872 die Oberleitung der Friedhofsanlage unterstand.

Der nördliche Bereich des Friedhofes und das südliche Ende waren als “Garten­partien” gestaltet, dazwischen lagen die streng geometrisch geordneten Gräber­felder, um die ein breiter Fahrweg herumführte.

Im Osten und Norden wurde der Friedhof von einer Zyklopenmauer nach antiken Vorbildern abgestützt.

 

Kapelle

Die Kapelle wurde nach Plänen Axel Bundsens am nördlichen Ende der Friedhofs­anlage als symbolisches Durchgangstor vom Diesseits ins Jenseits errichtet.

Auf quadratischem Grundriss erbaute Bundsen einen 1 ½-geschossigen Zentralbau mit Kuppelaufsatz und zwei eingezogenen eingeschossigen seitlichen Anbauten. Er vereinigte dabei Bauformen Ägyptens, der griechischen Antike und der italienischen Renaissance in einem Bau. Mit dem Durchschreiten des großen Eingangstores ver­lässt man die Ebene der diesseitigen Welt und wird durch die Totenfeier in der Ka­pelle auf das Jenseits vorbereitet, das sich beim Öffnen des hinteren Tores er­schließt.

Die Bänke für die Trauergäste und die Kanzel sind im Kreis angeordnet, der sich durch zwei halbrunde, schiebbare Gitter während der Trauerfeier vollständig schließen lässt und somit den Ring des Lebens symbolisieren soll. Die Stukkaturen im Kapelleninnenraum stammen von der Werkstatt Tadei und symbolisieren die Idee der Wiedergeburt.

Die Kapelle ist das einzige Bauwerk auf dem Friedhof und Kernstück der Anlage. Alle notwendigen Funktionen, wie Kapellenraum, Leichenhaus, Geräteraum, Wagenremise und Wohnung für den Friedhofswärter wurden hier in einem Gebäude zusammengefasst.

 

Formgebung - Grundriss

Der Alte Friedhof beschreibt in seinem langgestreckt tropfenförmigen Grundriss einen antiken Sarkophag. Das Vorbild finden wir in Flensburg nur wenige Schritte entfernt im heutigen Christiansen-Park. Hier gibt es eine Grotte mit einem antiken menschenförmigen Sarkophag aus der Zeit um 400 v. Chr., der eben diese lang­gestreckte Tropfenform aufweist.

Die Funktion der Friedhofsanlage wird durch diese Grundrissgestaltung ausge­drückt. Durch diese symbol-ästhetische Bauauffassung gehört der Flensburger Friedhof in eine Reihe seltener und ausdrucksstarker Revolutionsarchitekturen, die ihren Ursprung in Frankreich haben.

 

Grabmale

Grabmale sind Spiegel der Gesellschaftsstruktur einer Gemeinde; sie zeigen per­sönliche Schicksale und soziale Verhältnisse der Verstorbenen auf, sind Zeugen des Umganges mit dem Tod und den Toten zu den unterschiedlichsten Zeiten – hier in Flensburg von 1813 bis 1953.

Auf keinem anderen Friedhof im Lande haben sich so viele klassizistische und neu­gotische Grabanlagen erhalten wie auf dem Alten Friedhof. Besonders hervorzu­heben sind das gusseiserne Grabmal der Familie Christiansen von 1829 nach Ent­würfen des Berliner Baumeisters K. F. Schinkel (1781 bis 1841) oder die Grabstätte der Familie Görrissen von 1825 mit einer Sphinx, die von dem Berliner Bildhauer C. D. Rauch (1777 bis 1857) stammen soll.

Die Gräber des südlichen Teils wurden um die Mitte des 19. Jahrhunderts aufgeho­ben und durch einen Soldatenfriedhof für die Gefallenen in den Schleswigschen Kriegen ersetzt.

 

Text: Thomas Messerschmidt