Christiansenpark, Alter Friedhof und Museumsberg

Auf der Westlichen Höhe in Flensburg, oberhalb der Innenstadt, liegt ein beeindruckendes Park- und Friedhofsensemble als Ausdruck einer tiefgreifenden Landschaftsgestaltungder Zeit um 1800. Es gilt heute als das wichtigste bürgerliche Gartendenkmal der Aufklärungszeit im Norden Schleswig-Holsteins.Der 4,2 ha große Christiansenpark und der Museumsberg sind die Reste der weitläufigen Landschaftsgärten der Kaufmannsfamilie Christiansen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Von 1810 bis 1813wurde inmitten der Gartenanlagen Christiansens der erste kommunale Friedhof des Landes, heute Alter Friedhof genannt, angelegt.

Christiansenpark

Die Gärten Christiansens wuchsen 1820 aus ursprünglich zwei Landschaftsgärten zusammen: dem westlich des Alten Friedhofes gelegenen Garten des Kaufmannes Peter Clausen Stuhr (gestorben 1820), angelegt ab 1797 (heute Christiansenpark), und dem östlich des Alten Friedhofes gelegenen Garten der Kaufleute Andreas Christiansen senior (1743-1811) und junior (1780-1831) mit der 1799/1800 erbauten Boreas-Mühle (heute Museumsberg mit Fördehang). Das Handelshaus Christiansen war führend im Westindienhandel, besaß Zuckerraffinerien, Handelshöfe und Schiffswerften, betrieb Ölmühlen und war Eigner zahlreicher Schiffe. Die Gartenanlagen entstanden als Ausdruck bürgerlichen Repräsentationswillens einer aufgeklärten Kaufmannschaft: Die freie Entfaltung der Natur symbolisiert ganz im Sinne der Aufklärung die freie Entfaltung des Menschen. Der Besitz Christiansens umfaßte in seiner größten Ausdehnung von 1820 – 1856 ein erstaunliches Areal auf der Westlichen Höhe von über 25 ha, das durch den Niedergang des Handelshauses in den 1850er Jahren Stück um Stück parzelliert und bebaut wurde. Als wesentlichste Elemente der einstigen Christiansen-Gärten haben sich neben dem repräsentativen Landhaus (heute Hospiz) und einigen neugotischen Wirtschaftsgebäuden auch drei Teiche, ein kleiner Wasserfall, ein Gedenkstein zur Gartenbauausstellung von 1874 sowie zwei Grotten erhalten. Diese beiden Grottenanlagen – die Mumiengrotte im heutigen Christiansenpark und die Spiegelgrotte auf dem heutigen Museumsberg – sind in ihrer Art einzigartig und somit für die Gartenkunst von besonderer Bedeutung.

Mumiengrotte

Die Mumiengrotte stammt aus der Anfangszeit der Gartenanlagen und wurde schon unter Peter Clausen Stuhr, wohl um 1800, eingerichtet. In der kleinen Grotte liegt ein antiker phönizischer menschenförmiger Sarkophag aus der Zeit um 400 vor Christus, der ggf. als Ballast nach Flensburg gekommen ist und als schauerliche Attraktion im Landschaftsgarten aufgestellt und mit einer Felsengrotte überbaut wurde. Dieser Sarkophag wird als Vorbild für die Formgebung des Friedhofes gedient haben.

Spiegelgrotte

Die zweite Grottenanlage, die Spiegelgrotte, liegt südlich des Museums und ist nur auf Anfrage zugänglich. Sie wurde um 1820 unter Andreas Christiansen jun. als unterirdischer achteckiger Zentralbau eingerichtet und war ehemals mit 13 Spiegeln ausgekleidet, die durch ihre Spiegelungen ins Unendliche auch den winzigen unterirdischen Raum unendlich groß erscheinen lassen und Fragen nach der Endlichkeit und Unendlichkeit von Raum und Zeit aufwerfen. Selbst aus der Hand des Universalgenies Leonardo da Vinci haben sich Pläne für solch ein Spiegelkabinett erhalten. Über den Architekten, den Sinn oder Nutzen dieser raffinierten Gartenarchitektur dürfen nur Mutmaßungen angestellt werden - auch die Frage einer denkbaren freimaurerischen Nutzung bleibt offen.
Die Spiegelgrotte wurde 2008/2009 aufwändig restauriert.

Der Christiansenpark ist seit 1992 im Besitz der Stadt Flensburg und als öffentliche Grünanlage wie der Alte Friedhof für Besucher jederzeit zugänglich. Besonders lohnenswert ist ein Spaziergang in der Zeit der Krokusblüte.

Alter Friedhof – „Ein schöner Garten Gottes“

War es bis ins 18. Jahrhundert üblich, die Toten auf den innerstädtischen Kirchhöfen direkt an der Kirche beizusetzen, so wuchs durch die steigende Einwohnerzahl und die damit verbundene Überfüllung der Totenäcker auch der Bedarf an neuen Begräbnisstätten. So erhielt der Architekt Axel Bundsen (1768-1832) den Auftrag einen neuen Begräbnisplatz- damals noch vor den Toren der Stadt – einzurichten. Es war der erste kommunale Friedhof des Landes. Der Umriss dieses neuen Friedhofes beschreibt in seiner langgezogenen Tropfenform einen antiken menschenförmigen Sarkophag, wie er in der Mumiengrotte des Christiansenparks zu finden ist. Bis heute bildet der Alte Friedhof ein gestalterisches Ganzes mit der umliegenden Landschaft und wurde schon zur Zeit seiner Erbauung (1810-1813) als willkommene Bereicherung der Landschaftsgärten angesehen. Er diente bis 1872 als Hauptfriedhof der Stadt. Bis 1953 fanden hier mehr als 25.000 Beisetzungen statt.

Kapelle auf dem Alten Friedhof

Am Eingang des Friedhofes wurde eine klassizistische Aussegnungskapelle als überkuppelter Zentralbau mit zwei eingezogenen Anbauten errichtet. Die Kapelle symbolisiert mit ihren mächtigen Eingangstoren ein Durchgangstor von der diesseitigen Welt in diejenseitige Welt des Todes und wurde 2001 von Grund auf restauriert.

Der 2,6 ha große Friedhof mit über 600 historischen Grabstätten hat sich bis heute fast unverändert erhalten und zählt zu den bedeutendsten Denkmälern des Klassizismus in Schleswig-Holstein. Zu den wichtigsten Grabanlagen (einzige Gruftanlage) zählt der neugotische Baldachin über einem Kreuz der Familie Christiansen, der auf einen Entwurf des preußischen Baumeisters Karl-Friedrich Schinkel zurückgeht.

Thomas Messerschmidt, Kunsthistoriker Flensburg

Literaturhinweise:

  • Thomas Messerschmidt: Christiansenpark und Alter Friedhof in Flensburg,
    Schriften der Gesellschaft für Flensburger Stadtgeschichte e.V. Nr. 50, Flensburg 1997
  • Thomas Messerschmidt: Christiansengärten und Alter Friedhof, in: Adrian von Buttlar und Margita Marion Meyer (Hg.),
    Historische Gärten in Schleswig-Holstein, Heide 1996, S. 234 – 246
  • Ellen Redlefsen: Die Kunsttätigkeit der Flensburger Kaufleute Andreas Christiansen sen. und jun. und die Spiegelgrotte,
    in: Nordelbingen 33/1964, S. 13 – 44